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Neulich musste ich wieder an unseren Hochzeitstag denken. Und sofort waren all diese Gefühle wieder da. Die Freude, die Aufregung, die Nervosität. Einzelne Szenen stiegen vor meinem inneren Auge auf. Es war alles wieder so lebendig. Als ob es erst gestern gewesen wäre. Da wurde mir klar, dass ich „noch drüber hinweg bin“.

Hä? Ist sie jetzt vollkommen durchgeknallt, fragen sich vielleicht einige. Warum soll man denn über den eigenen Hochzeitstag hinwegkommen? Dieses Beispiel habe ich bewusst gewählt. Denn niemand würde auf die Idee kommen, es als problematisch hinzustellen, dass ich mich immer noch an meinen Hochzeitstag erinnere. Und dass diese Erinnerung Gefühle und Bilder in mir kreiert. Wenn es aber etwas weniger „positives“ ist, dann heißt es gleich „du bist noch nicht darüber hinweg“. Dabei ist der Prozess genau der gleiche. Egal ob es ein schönes oder nicht so schönes Ereignis ist. Anfangs erinnern wir uns ganz oft daran und reden noch oft darüber. Das wird mit der Zeit immer weniger. Aber ganz weg geht es eigentlich nie. Ab und an ist die Erinnerung da. Plötzlich. Wie aus dem nichts. Mit allen Details.

Warum also ist es einmal okay und einmal wird uns eingeredet, dass wir „noch nicht darüber hinweg seien“? Ich vermute, weil die meisten Menschen Angst vor den unangenehmen Gefühlen haben, die mit den nicht so schönen Erinnerungen kommen. Dabei kann uns ein Gefühl nichts tun. Es kommt und geht. Wie das angenehme Gefühl bei der schönen Erinnerung auch. Wenn wir nicht mehr Angst vor diesen Gefühlen hätten, müssten wir auch nicht mehr versuchen diese Erinnerungen zu verbannen. Sie „zu verarbeiten“. Und könnten sie als das annehmen was sie sind: Gedanken über etwas Vergangenes. Nicht mehr – nicht weniger.

Anfang des Jahres hat ein Freund mich auf Waldbaden aufmerksam gemacht. Das hörte sich spannend an und natürlich habe ich mich ausführlich darüber informiert. Und es dann auch gleich mal gemeinsam mit meiner Tochter ausprobiert, während der Papa ganz sportlich mit dem Mountainbike unterwegs war. Sozusagen Kontrastprogramm.

Wer noch nie von Waldbaden gehört hat – ganz kurz erklärt ist es ein geführter Waldspaziergang mit oder ohne gezielten (Körper)-Übungen zur Entspannung. Noch kürzer: Einfach im Wald sein ohne Ziel.

Es war für mich eine sehr interessante Erfahrung. Wir gehen alle gerne in den Wald. Üblicherweise aber in Form von Wandern (als Familie) oder Radfahren (mein Mann) oder Kindergarten (die Tochter). Das war etwas ganz anderes. Der Rucksack war gepackt mit ausreichend Essen und Trinken und somit waren wir frei zu entscheiden, wohin wir gehen und wie lange wir brauchen. Obwohl meine Tochter kein Kleinkind mehr ist waren wir im Kleinkindtempo unterwegs. Alle paar Meter gab es etwas zu entdecken. Seien es Vögel, denen wir lauschten oder die wir versuchten zu entdecken. Das Rascheln im Laub, das uns neugierig machte. Blümchen, Baumstümpfe, krumm gewachsene Bäume. Der Wald durfte auf uns wirken und uns verzaubern. Es war wunderbar entschleunigend. Schon nach kurzer Zeit war ich tief entspannt und genoss es einfach mit meiner Tochter durch den Wald zu schlendern. Als wir einen Seitenpfad entlang gingen sahen wir sogar ein paar Rehe. Was für ein Erlebnis! Der Wald, den wir durchstreiften, war nicht sehr groß und als wir an den Waldrand kamen lag dort ein umgestürzter Baum. Perfekt für eine Pause. Wir sahen hunderte Maiglöckchen, die darauf warteten, bald blühen zu dürfen. Hörten den Specht und den Kuckuck. Bis auf ein gelegentliches Flugzeug war nur die Natur zu hören.

Am Abend sprach ich mit meinem Mann über das Erlebte und wie unterschiedlich ich diese Art in der Natur zu sein wahrgenommen hatte. Dieses völlig ohne Ziel in der Natur sein war für mich Entspannung pur. Einfach nur sein. Nichts was mich drängt. Ich war ganz im Moment und nicht gedanklich schon zwei Schritte weiter „am Ziel“. Wenn wir sonst wandern gehen, dann haben wir immer dieses Ziel vor Augen, wo wir sein möchten. Manchmal auch mit Zeitdruck, weil wir z.B. eine Gondel rechtzeitig erreichen möchten. Oder weil wir irgendwann hungrig werden. Das ist beim Waldbaden nicht der Fall. Es gibt nichts zu erreichen. Sondern nur ein stetiges ankommen.

Letztens war mal wieder richtig miese Stimmung bei uns. Eigentlich nur bei mir. Meine Tochter war zum Glück völlig unbeeindruckt von meiner Laune. Ihr LEGO-Stadt war nach diversen Spieleinheiten etwas chaotisch und ich wollte mal wieder Ordnung hineinbringen und die diversen Teile und Figuren zuordnen, die irgendwo rumlagen. Das mache ich regelmäßig, um den Überblick zu behalten und auch um bei Bedarf Sets erstmal wieder abzubauen, wenn ich merke, dass aktuell nicht damit gespielt wird. Es lief alles gut, bis ich merkte, dass einer Minifigur die Kopfbedeckung fehlte. Kann mal vorkommen, also bat ich meine Tochter um Mithilfe bei der Suche. Das Problem war: Wir fanden das Teil nicht. Und noch schlimmer – es stellte sich heraus, dass einer zweiten Minifigur das gleiche Teil fehlte. Jetzt waren das nicht nur so Standard-Haarteile, die man leicht ersetzen kann. Nein, es waren zwei etwas besondere Helme für Mountainbiker, die noch nicht so weit verbreitet sind. Und wir haben davon auch keinen Vorrat. Dafür ist das Teil zu selten.

Es gibt bestimmt viele Menschen, die Verständnis dafür haben, dass ich da wütend wurde. Weil ich ja auch regelmäßig die Tochter darauf hinweise, auf die Sachen aufzupassen, sie nicht im Haus herumzutragen oder sie irgendwo an den unmöglichsten Stellen zu verstauen (was am nächsten Tag nämlich schon vergessen ist und dann hat man das Dilemma. Es ist wirklich erstaunlich an welchen Stellen wir verschwundene Dinge gefunden haben, die das Töchterchen halt versteckt hatte und sich weder daran erinnerte es versteckt zu haben geschweige denn wo). Und ja es gibt Menschen, die den Kopf schütteln und sich fragen, warum ich mich über so einen Pillepalle-Kram aufrege.

Nach einer guten Mütze Schlaf, liegt meine Wahrheit irgendwo in der Mitte. Das Ausmaß meiner Wut stand tatsächlich nicht im Verhältnis zum Sachpreis (der inkl. Versand bei 1,25€ pro Teil liegt). Auch die Zeit, die wir mit Suchen vergeudet haben war übertrieben. Aber ich finde es wichtig, dass meine Tochter lernt auf Dinge aufzupassen. Die Teile kosten Geld (bei der Anschaffung und bei der Wiederbeschaffung). Ganz abgesehen von der Zeit, die draufgeht, wenn ständig Dinge gesucht oder dann eben wiederbeschafft werden müssen. Ich möchte meine Zeit gerne anders verbringen. Lieber mit Spielen als mit Suchen. Und ich möchte mein Geld nicht dafür ausgeben, Dinge doppelt zu kaufen (von gewissen Stofftieren abgesehen).

Was mir aber klar wurde: Meine Aktion stand nicht im Verhältnis zu den Kosten, die mir durch die Bestellung entstanden sind. Die schlechte Laune, die ich verbreitet habe und das schlechte Vorbild, das ich war, waren die 2,50€ nicht wert. Ich hoffe, ich merke es mir für das nächste Mal 😉

„Ordnung ist das halbe Leben – aber die andere Hälfte macht mehr Spaß.“ Die Ergänzung des alten Sprichwortes durfte sich meine Mutter oft anhören in meiner Teenagerzeit. Aufräumen gehörte nicht unbedingt zu den Dingen, die ich gerne gemacht habe. Entsprechend oft gab es deswegen auch Diskussionen. Zu Aufräumprofi mutierte ich immer dann, wenn ich Hausaufgaben machen sollte, auf die ich keine Lust hatte. Dann wurde erstmal der Schreibtisch entrümpelt, die Stifte sortiert, altes Papier entsorgt,… Dummerweise wurden davon die Hausaufgaben auch nicht früher fertig. Meine Mutter ist früher mit mir echt verzweifelt. Komischerweise war das Thema aufräumen keines mehr, als ich meine erste eigene Wohnung hatte. Da war es mir auf einmal extrem wichtig, dass alles ordentlich und an seinem Platz ist.

Inzwischen glaube ich, dass Menschen so etwas wie ein Chaoslevel haben. Also eine innere Schwelle, die – wenn überschritten – dazu führt, dass man sich nicht mehr wohl fühlt. Die ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Ein guter Freund von mir zählt eher zur Kategorie „sehr hohe Schwelle“, was gleichzusetzten ist mit „Chaos überall“. In der Kategorie „sehr niedrige Schwelle“ habe ich im Freundes- oder engeren Bekanntenkreis niemanden. Meine Schwelle ist eindeutig niedriger als die meines Mannes. Wenn ich ihm gelegentlich am Computer helfen soll, drehe ich fast durch, weil so viel Zeug auf dem Schreibtisch rumliegt. Geht für mich gar nicht. Aber für ihn funktioniert es.

Da meine Chaosschwelle niedriger ist als die meines Mannes, bin meistens ich diejenige, die gefühlt ständig am Aufräumen ist. Obwohl die meisten Dinge bei uns einen festen Platz haben, wandert täglich das eine oder andere durch die Gegend. Oder etwas was eben keinen festen Platz hat liegt halt irgendwo rum. Eine gewisse Zeit ertrage ich das, aber dann ist ein Punkt erreicht, wo es mich nervt. Dann wird halt weg- und aufgeräumt.

Je nach Tagesstimmung läuft das ganz unterschiedlich ab. Wenn ich gut drauf bin, räume ich alles weg und freue mich hinterher, dass jetzt alles wieder so schön ordentlich ist. Wenn ich schlecht drauf bin, kommt es darauf an, ob jemand im Haus ist oder ich alleine bin. Bin ich alleine, bruddle ich vor mich hin und schimpfe und beschwere mich (nicht gut für den Stresspegel und die Laune). Es ist wirklich kontraproduktiv, weil ich dann so schlecht gelaunt bin, dass ich das Ergebnis nicht genießen kann. Ganz schlecht ist es, wenn jemand da ist. Egal ob das nur meine Tochter ist oder auch mein Mann. Dann wird aus dem Gebruddel lautes motzen und schimpfen. Gar nicht gut für die Stimmung und die zwischenmenschlichen Beziehungen. Von der Vorbildfunktion für meine Tochter möchte ich gar nicht reden…

Der Punkt ist – weder meinen Mann noch meine Tochter stört die „Unordnung“ (wirklich unordentlich ist es bei uns eigentlich nie). Das stört nur mich. Natürlich könnte man jetzt einwenden „aber wenn dir das wichtig ist, dann sollte dein Mann doch darauf Rücksicht nehmen“. Macht er ja – er hält mich nie davon ab, wenn ich aufräume. Wenn es eine größere Raumräumaktion ist, macht er auch mit. Muss er deswegen selbst zum Aufräumprofi werden? Nö – ich fange auch nicht an scharfes Essen zu mir zu nehmen, nur weil er das gerne isst.

Bis vor ein paar Tagen war mir das aber nicht so richtig klar, dass ich für mich aufräume. Nicht für andere. (Nein, auch wenn ich vor dem Besuch der Verwandtschaft aufräume ist das für mich – weil ich mir Gedanken darüber mache, was die sonst von mir denken. Und ich hoffe, dass ich mit einem aufgeräumten Haus, die Art der Gedanken beeinflussen kann.) Ich – nur ich – bin diejenige, die es ordentlich haben möchte. Die es „schön“ haben möchte. Klar – mein Mann genießt das auch, aber ihm ist es nicht so wichtig, dass er da Zeit investiert. Es ist nur für mich. Weil ich mich daran erfreue. Weil ich es mag, wenn ich Dinge nicht suchen brauche. Weil ich gerne überflüssiges wieder loswerde. Das ist mein Ding. Ich mag es, wenn ich leere Flächen sehe und nicht alles zugestellt ist. Ich mag es, wenn an manchen Stellen hübsche Dinge stehen. Deswegen übernehme ich jetzt die volle Verantwortung dafür. Kein Motzen und Meckern mehr. Kein Schmollen und Bruddeln. Ich bin gespannt, wie das unser Familienleben verändern wird.

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