Immer noch zu spät
Bevor sie vor kurzen die Erkältungswelle erwischt hat, hatte ich noch die Gelegenheit, meine Nervosität beim Zu-spät-Sein noch weiter zu beobachten. Denn in den Ferien bin ich mit meiner Tochter und einer ihrer Freundinnen ins Legoland gefahren. Da die Fahrt zwei Stunden dauert versuchen wir immer recht früh loszufahren. Letztendlich müssen wir fast so früh los, wie wenn es in die Schule geht. Ich war dann ganz gespannt, wie das diesmal für mich wird. Denn üblicherweise bin ich eben so ein bisschen angespannt, wenn ich irgendwo hinwill. Und tatsächlich war daheim, während wir noch unsere Sachen gerichtet haben wieder diese Anspannung.
Es war nicht so schlimm wie sonst. Ich war angespannt, aber ich habe es mal nicht an den anderen ausgelassen - worauf ich sehr stolz bin. Der Witz war, sobald wir im Auto saßen und losgefahren sind, war ich tiefenentspannt Und das, obwohl ich sogar beim Bäcker gehalten habe, um dort noch ein paar Sachen für die Fahrt zu holen.
Und da kann man wieder sehen, wie unlogisch das Ganze ist. Oder eigentlich auch, wie logisch. Denn die Einsicht, die ich hatte, bezog sich eben aufs Autofahren. Und nicht auf das Zuhause sein und alles für den Ausflug richten. Dass es daheim auch keinen Unterschied macht für die Ankunftszeit, ob ich gereizt bin oder nicht ist mir intellektuell völlig klar.
Ganz offensichtlich ist es aber noch nicht so richtig bei mir angekommen. Es war auf jeden Fall sehr amüsant, wie ich wirklich beim Einsteigen ins Auto ganz ruhig wurde. Ich habe mich über mich selbst köstlich amüsiert und mich andererseits gefreut, dass die Fahrt jetzt super entspannt wird. Früher oder später werde ich es bestimmt auch noch sehen, dass ich auch daheim nicht angespannt sein brauche.
Zu spät
Neulich war ich unterwegs und bin ein Ticken zu spät losgefahren und musste auch noch tanken. Das heißt, mein Zeitfenster was ich immer einplane für Eventualitäten war schon ziemlich ausgereizt. Normalerweise werde ich dann immer hektisch, aber an dem Tag war es irgendwie anders. Das fand ich spannend, denn ich kann es überhaupt nicht leiden, wenn ich zu spät komme. Dann werde ich einfach so nervös und unruhig. Da ist diese enorme Anspannung in mir. An diesem Tag, warum auch immer, war sie nicht da.
Und dieses Fehlen hat mich ein bisschen zum Nachdenken motiviert. Was passiert da eigentlich? Was ist da los in mir? Und warum tue ich mir das eigentlich immer an, dass ich mich da selbst so nervös mache? Die Gedanken, die kamen fand ich sehr erhellend. Natürlich wusste ich schon vorher, dass ich keine Sekunde früher ankomme, wenn ich mich selbst stresse. An diesem Tag, habe ich es aber deutlich gesehen, dass mein Gemütszustand keinerlei Auswirkungen auf den Straßenverkehr hat. Egal ob ich mir ständig erzähle, dass ich zu spät komme und dass das jetzt alles ganz knapp wird und wie schlimm das alles ist. Die Autos vor mir fahren deswegen weder schneller noch langsamer. Das heißt, ob ich entspannt bin und gute Laune habe oder ob ich mich nervös mache macht eben nur einen Unterschied auf meinen Körper. Sonst nichts.
Ich glaube, so ein bisschen steckt dahinter, dass viele das Bedürfnis haben, gute Menschen sein zu wollen. Mir wurde eben beigebracht, dass pünktlich sein ein Ausdruck der Höflichkeit ist und des Respekts. Aber manchmal kann man einfach nichts dafür. Und warum soll ich mich dann in Stress versetzen, wenn ich es nicht beeinflussen kann?
Letztendlich stimmt es auch gar nicht, dass man dadurch ein guter oder schlechter Mensch wird. Auch wenn wir das glauben. Wir haben das so oft gehört, dass wir diese Gedanken jetzt nicht mehr sehen und nur dieses komische Gefühl in uns bleibt. Deswegen machen wir solche Dinge einfach. In diesem Bemühen, alles richtig zu machen, andere nicht zu enttäuschen. Wir wollen beeinflussen, was andere über uns denken und setzen uns damit unter Druck.
Bei manchen äußert sich das in Anspannung, wenn es zeitlich knapp wird. Zum Glück für mich habe ich es an diesem Tag gesehen und die Fahrt viel mehr genossen. Und das, obwohl mein Puffer aufgebraucht war. Tatsächlich bin ich sogar richtig zu spät gekommen bin, weil ich nämlich auch keinen Parkplatz gefunden habe. Es war einfach mal wieder so ein wunderbares Beispiel, dass es nicht von den Umständen abhängt, wie wir uns fühlen, sondern von dem, was in unserem Kopf vor sich geht.
24h
Heute möchte ich zu einem Experiment einladen. Die Bedingungen sind ganz einfach: 24 Stunden nicht über die Vergangenheit reden.
Das tatsächlich durchzuhalten ist deutlich schwieriger als man denkt. Denn wir beziehen uns ganz oft auf etwas, das vergangen ist. „Aber letztes Mal hast du doch…“. „Hast du nicht gestern gesagt, dass…“. „Mein Vater hat immer…“. „Jeds Mal, wenn…“. Und auch Sätze wie „Ich kann das nicht mehr hören!“ sind ein Bezug zur Vergangenheit. Damit fallen auch Wörter wie „immer“, „dauernd“ und „wie oft“ einfach weg. Ja – auch da geht es um die Vergangenheit.
Wir verbringen ganz schön viel Zeit in der Vergangenheit. Und das, obwohl sie schon längst vergangen ist. Das Problem ist, dass wir dadurch automatisch das was gerade in diesem Moment geschieht wie durch einen Filter sehen. Leider meistens kein rosa-roter, sondern eher ein grauer oder schwarzer. Kann das wirklich gut gehen? Eher nicht. Durch diesen Filter sind wir voreingenommen und es ist viel wahrscheinlicher, dass wir in automatisierter Weise – gewohnheitsmäßig – reagieren. Anstatt aus neuen Gedanken heraus zu kreieren. Etwas Neues zu schaffen ist nämlich nur möglich, wenn wir aus unseren Gewohnheiten ausbrechen. Und das funktioniert nicht, wenn wir uns ständig die Vergangenheit wie einen Filter vor die Nase halten.
Probiert einfach mal aus, was sich verändert, wenn ihr versucht alles Vergangene außen vor zu lassen. Vielleicht entsteht eine ganz neue Zukunft?
Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne
Auch wenn ich schon lange keine „Guten Vorsätze“ mehr überlege und sie verfolge hat der Jahreswechsel doch einen gewissen Reiz. Das Datum ist natürlich von uns Menschen willkürlich festgelegt. Was aber nichts an der Tatsache ändert, dass ab einem gewissen Punkt die Erde eine neue Runde um die Sonne dreht. Gelegentlich innezuhalten und zu reflektieren, finde ich ein schönes Ritual. Wenn ich dann dabei entdecke, dass ich bestimmte Dinge gerne anders hätte, dann bietet das die Gelegenheit eine neue Richtung einzuschlagen. Letztendlich ist es egal ob das zu Beginn des neuen Kalenderjahres, Lebensjahres, Schuljahres oder sonstigen Jahres ist. Es ist auch nicht verboten das mehrmals im Jahr zu machen. Der Jahreswechsel bietet sich dennoch irgendwie an – schon, weil viele ein paar Tage Urlaub haben und nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich mal zur Ruhe kommen.
Für mich stellt sich jedes Mal eine ganz besondere Begeisterung ein, wenn ich mich für ein bestimmtes Projekt entschieden habe. Mit Projekt meine ich etwas, das nicht an einem Tag erledigt werden kann – oder wenn dann nur, wenn ich mir den ganzen Tag dafür reserviere. Irgendwelche Ideen, was ich machen könnte, habe ich immer wieder. Doch die Dinge, die etwas Planung benötigen, die haben für mich diesen Zauber. Meistens weiß ich noch nicht, was im Detail auf mich zukommt. Letztes Jahr haben wir zum Beispiel entschieden unserer Tochter ein Hochbett zu bauen. Die Grundidee mit Regalen drunter war recht schnell klar. Alles andere durfte sich entwickeln. Tatsächlich ist das Bett immer noch nicht ganz fertig. Es fehlen noch ein paar Kleinigkeiten. Aber es ist benutzbar und sieht ziemlich cool aus – nämlich wie eine Burg.
Diese „ich weiß in welche Richtung ich möchte, aber ich kenne den Weg noch nicht“ – das ist für mich, was den Zauber ausmacht. Viel zu oft machen wir das kaputt, weil wir denken, wir bräuchten den perfekt Plan und müssten alles wissen. Ich glaube, wenn wir uns mehr auf diese kindliche Begeisterung einlassen und sich Dinge entfalten lassen, dann haben wir viel mehr Spaß und es kommen oft viel tollere Sachen raus als erwartet.